Resonanzen

Normalität

Seit die Eindämmungs- und Schutzmaßnahmen wegen der Corona-Pandemie begonnen haben, gibt es eine verstärkte Sehnsucht nach „Normalität“. Gesehnt wird sich danach, dass es wieder wird wie früher. Verschiedene Politiker haben auf diese Entwicklung mit Wortneuschöpfungen reagiert. So wird für eine Rückkehr in eine „verantwortungsvolle Nor- malität“ geworben. Das hört sich beruhigend an und verspricht ein Leben mit weniger Einschränkungen. Andere sprechen dagegen von „neuer Normalität“. Sie bereiten darauf vor, dass das Ungewohnte nicht schnell verschwinden wird. Der Wortschöpfer möchte, dass man sich daran gewöhnt.

Das knüpft an einem entscheidendes Merkmal von „Normalität“ an: Gewöhnung. Zu wissen, was normal ist, gibt mir Sicherheit – einen Bezugsrahmen zum Urteilen und Handeln. Normalität ist wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann, sofern ich mich unsicher fühle. Als Normalität erkenne ich erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, gestörtem, abweichendem Verhalten.

Dabei wird „normal“ im Alltagsverständnis meist wertfrei verstanden – normal ist, was einfach so ist. „Isso“. Darum wird Normalität oft kaum hinterfragt. Was normal ist, vermittelt der gesunde Menschenverstand. Doch was gesellschaftlich „normal“ ist, ist gar nicht so eindeutig, sondern von der Erfahrung und dem Umfeld abhängig und deshalb in verschie- denen Kulturen und Zeiten ganz unterschiedlich. Es richtet sich an Normen aus, die von der Mehrheit in einer Bezugsgruppe festgelegt werden. Bei Din-Normen wie z. B. Din A4 oder Normalnull ist es ganz deutlich. Normalnull ist zum Beisoiel festgelegt als eine bestimmte Niveaufläche, die in einem Land als einheitliche Bezugsfläche bei der Ermittlung der Erdoberfläche vom mittleren Meeresniveau dient und umgangssprachlich meist als Meeresspiegel bezeichnet wird. Wenn sich alle an die Festsetzung halten, gibt es keine Missverständnisse. Das ist praktisch und sinnvoll.

Die Festlegung, was in einer Gesellschaft „normal“ ist, ist weniger einfach. Es ist widersprüchlicher, denn es ist sehr subjektiv, relativ und selektiv. Normalität wird in der Regel von der Mehrheit definiert. Was Menschen als normal verstehen, hängt davon ab, was sie für gewünscht halten und sozial akzeptieren. Doch wie viele Menschen müssen dasselbe denken, fühlen oder tun, damit es als normal gilt? Statistisch betrachtet etwa zwei Drittel. Auf der anderen Seite wünschen sich die meisten Menschen zu Recht genauso Raum für „Individualität“ – zur Abweichung vom Normalen. Außerdem sind in einer menschengerechten Gesellschaft die abweichenden Interessen von Minderheiten zu achten. Sie müssen vor Diskriminierung mit dem Urteil „Das ist nicht normal“ geschützt werden. Absprechen von Normalität darf nicht zu Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskriminierung führen.

Normal darf kein Qualitätsurteil dafür sein, was gut oder richtig ist. Es muss neben der gesellschaftlichen Norm Raum zur persönlichen Entfaltung bleiben. In einer demokratischen Gesellschaft muss das Recht zu unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen über ein gutes Leben gelten. Paradox ausgedrückt gehört in unserer Gesellschaft das Streben nach Individualität, nach Einzigartigkeit, nach Originalität“ zur Normalität. Das ist eine wichtige Voraussetzung für Liebe, Kreativität, aber auch technische Innovationen.“ Das Paradox zusammenfassend sollte es in einer freien Gesellschaft zum Schutz der Menschenwürde normal sein, nicht normal zu sein. Dieses Recht darf seine Grenze nur an den Rechten anderer haben.

Genauso flexibel sollten wir jetzt auch auf der Erfordernisse der Corona-Pandemie reagieren und situationsangemessen neue Verhaltensweisen auf die augenblickliche Situation entwickeln. Es ist besser, sich auf Abstand und mit Mund-Nase-Maske zu begegnen als gar nicht oder andere zu gefährden, krank zu werden. „Keine neue Normalität“, jedoch verantwortungsvolle Anpassung an die Lage.

Dirk Voos

Unruhe

Die Coronakrise fordert jeden von uns stark heraus. Bei mir selbst wie auch in meinem näheren und weiteren Umfeld spüre ich zunehmend Unruhe. Unruhe kann ein wichtiger intuitiver Impuls sein, etwas zu ändern. Aus der Unruhe kann Kraft zur Veränderung rühren. Artikel: Die Coronakrise fordert jeden von uns stark heraus. Bei mir selbst wie auch in meinem näheren und weiteren Umfeld spüre ich zunehmend Unruhe. Ich mache mir Sorgen. Nicht nur um mich selbst, sondern noch mehr um andere, alte Verwandte, kranke Freunde. Die Schutzmaßnahmen verlangen viel Verzicht und Geduld. Deshalb verstehe ich, dass andere Menschen genauso wie ich selbst unruhig werden. Es soll vorbei gehen, zumindest besser werden. Wir möchten Lockerungen, um wieder mehr wie früher leben zu können. Die Zweifel wachsen. Ist das alles so nötig? Ist das richtig? Ich fühle mich, als ob in meinem Inneren eine Feder gespannt wird, so wie bei manchen Spielzeugen, die man über eine Feder im Inneren mit Energie auflädt. Losgelassen rasen sie dann los. Genauso spüre ich, wie sich in mir selbst immer mehr Energie aufstaut und raus will. Los! Aber wohin? Auch bei Uhren gibt es eine Unruh. Laut Wikipedia ist die Unruh ein Spirale-Schwingsystem. „Das Schwingsystem dient als Gangregler für Kleinuhren, also vor allem für Armbanduhren und Taschenuhren, aber auch für Wecker, Wanduhren, Chronometer usw. Vorläufer der Unruh war die Unrast.“ Zum Nachdenken bringt mich, dass gerade die Unruhe in mechanischen Uhren für den ruhigen Lauf der Uhr sorgt, so dass sie fortwährend im richtigen Takt läuft und die richtige Uhrzeit anzeigt. Richtig eingesetzte Unruhe ist also für manche Bewegungsabläufe wichtig. Automatisch betriebene Armbanduhren sind sogar darauf angewiesen, dass sie bewegt bzw. gerüttelt werden und gewinnen daraus ihre Energie. Wer seine Uhr nicht täglich trägt, braucht deshalb als Ersatz einen Uhrbeweger oder Rüttler, damit sie nicht stehen bleibt und richtig geht. Unruhe kann also wichtig sein, damit sich etwas bewegt, damit sich etwas ändert. Aus der Unruhe kann Kraft zur Veränderung rühren. Ich glaube, dass gilt auch für Menschen. Doch dafür muss ich meine Unruhe kontrollieren und ihre Energien bewusst und reflektiert auf ein Ziel richten. Nicht einfach losrasen, egal wohin, sondern mich bewusst auf ein Ziel ausrichten. War bei Uhren der Vorläufer der Unruh die Unrast, so sollten Menschen Unrast vermeiden. Für mich ist Aktionismus Zeichen solcher Unrast. Hauptsache, wir tun etwas. Hauptsache, das Leiden des Wartens endet. Stattdessen möchte ich die eigene Unruhe als intuitives Symptom verstehen, dass etwas nicht richtig ist. Als Impuls, etwas überlegt zu ändern. Und dafür mit Ruhe und Vernunft zu überlegen: Was stört mich? Was ist mir wichtig? Was kann ich ändern, um wieder zur Ruhe und ins Gleichgewicht zu finden? Aber auch zu begreifen, wo ich nichts tun kann als abwarten. Entsprechend der bekannten Gebetsbitte, die wahrscheinlich von dem amerikanischen Theologen und Philosophen Reinhold Niebuhr stammt: ″Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.″

Dirk Voos

Hoffnung

„Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion“, ist von Voltaire überliefert. Ist es eine Illusion, wenn ich denke, in meinem Leben ist alles in Ordnung? Gerade durch die Coronagefährdung bemerke ich, während eines menschlichen Lebens ist nie alles in Ordnung. Ich glaube auch für menschliches Leben gilt das Gleiche wie sonst in der Natur, dass alles immer wieder auseinander bzw. zur „Unordnung“ strebt. Ich kann so viel systematisieren und so oft aufräumen wie ich will – ganz schnell ist die Ordnung wieder dahin. Ich könnte das nur verhindern, wenn ich aufhörte, etwas zu tun. Und nicht einmal dann. Dann würden andere meine Ordnung auflösen. Immer verändert sich etwas. Außerdem habe ich immer das Gefühl, wenn ich auf der einen Seite etwas ordne, gerät es auf der anderen Seite außer Kontrolle. Der Rundum 360°-Blick gelingt mir nicht und keinem anderen Menschen. Wenn gegenwärtig wirklich nie alles in Ordnung ist – nur immer Teile, wie ist es mit der Zukunft? Ist zumindest die Hoffnung, dass alles mal gut wird, berechtigt? Entsprechend Oscar Wildes Aphorismus „Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“. Wenn überall bei der Bewältigung der Coronakrise nach einer sogenannten Exitstrategie gesucht wird, dann spielt dabei Hoffnung eine große Rolle. Nur mit Hoffnung kann man an ein Ende der Gefahr glauben. Hoffen, dass langsam wieder mehr Freiraum zum Leben möglich ist. Weil es bald wirksame Medikamente gegen die Lungenkrankheit gibt. Weil ein Impfstoff entwickelt wird. Weil … Ja letztlich wird darauf gehofft, dass wir wieder zur früheren Normalität zurückkehren können. Ja und dann gibt es auch noch die persönlichen, privaten Hoffnungen. Etwa die Hoffnung für einen lieben Menschen, der durch den Corona-Virus besonders bedroht ist. Oder, dass es mich selbst nicht trifft. Die eigene Religion kann Kraft zum Hoffen geben.Für mich ist Ostern ein wichtiger Grund zur Hoffnung. Es ist wie kein anderes Fest das Fest der Hoffnung. Mit dem Tod Jesu schien die Hoffnung zunächst verloren. Ernüchterung stellte sich bei den Jüngern ein. Sie sprach aus den Worten der Emmaus-Jünger: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ (Lk 24,21). Lähmung und Verzweiflung war die erste Reaktion der Anhänger Jesu. Sie verkrochen sich. Eine andere Antwort ist jedoch Hoffnung. Gerade in den dunkelsten Stunden kann sie uns stark machen. Wir können das zum Beispiel an der Spannung der christlichen Gottesdienste von Karfreitag und Ostern spüren. In der Trauer von Karfreitag ist das Fürbitten sehr wichtig als  Zeichen der Hoffnung auf Danach. Schließlich heißt etwas zu erbitten, zu hoffen, dass es auch eintritt. An dem Tag, an dem wir dem Tod Jesu gedenken, und damit auch das Leid, das geschah und geschieht, in den Blick nehmen, strecken wir uns zugleich in Richtung seiner Überwindung an Ostern aus, dass es wieder hell wird. Das Dunkle Schlimme ist wirklich. Es gehört auch zu unser Realität. Menschen fügen einander Leid zu. Die Schöpfung leidet unter dem menschlichen Handeln. Und auch die Natur fügt Leid zu, so wie  mit dem Virus jetzt. Trotz allen, ja gegen das alles, können Menschen hoffen. Christliche Hoffnung hat wenig mit Realitätsflucht zu tun. Christen machen sich keine Illusionen, sondern stellen sich radikal der Wirklichkeit des absurden Leiden, wie es uns durch Jesus oder die vielen, die in dieser Krise ihr Kreuz tragen, vor Augen geführt wird. Für Christen ist der Karfreitag nicht Schlusspunkt, es geht weiter. Und wie es weitergeht! Wenn Osern das unwahrscheinlichste geschehen ist, wenn der Tod überwunden ist, kann doch noch viel mehr passieren, oder? Wie wollen wir uns während der Coronakrise verhalten? Lasst uns wirklich tiefgreifend hoffen, dass wir Sorgen und Leid hinter uns lassen und eine gute Zukunft haben werden. Ich hoffe, denn „Hoffnung kann der Beginn von etwas Großem sein. Es ist besser, ein einziges kleines Licht  anzuzünden, als die Dunkelheit  zu verfluchen.“ (Konfuzius)

Dirk Voos