Berührung(en)

Durch die Abstandsregeln zur Vorsorge gegen eine Covid-19- Infektion wird jede und jeder gehalten, enge Berührungen zu vermeiden. Alles, was ich anfasse, kann Erreger übertragen und zu Ansteckung und Krankheit führen. Deshalb muss ich vorsichtig sein – abwägen, was fasse ich an. Deshalb möchte ich heute fragen. Wovon lass ich mich berühren? Wie halte ich Kontakt? Geht Berührung auf Abstand?

Genau wie ich berühre, werde ich aber auch berührt. Verstehe ich Berührungen nicht nur als eigenes aktives Handeln, dass ich berühre, sondern auch als passives Geschehen, dass mir geschieht, bemerke ich, dass ich darüber gar nicht die volle Kontrolle habe. Ich kann es nicht völlig selbst bestimmen, sondern muss es zulassen. Offen sein für Berührungen wie für das Lächeln einer Fremden oder dem Zauber eines Augenblicks.

Online Auszeit

Einladung zur nächsten gemeinsamen online Auszeit zum Thema

Bei mir zuhause

23. Juni 2020
von 13.30 – 14.00 Uhr

Link:
https://us04web.zoom.us/j/8230910150?pwd=cFYxTWl2ZFdKR2JMMGZyeHVoeHpyUT09

Meeting-ID: 823 091 0150
Passwort: 503911

Ein Leben ohne Freiheit […]

Berührung(en)

Durch die Abstandsregeln zur Vorsorge gegen eine Covid-19- Infektion wird jede und jeder
gehalten, enge Berührungen zu vermeiden. Alles, was ich anfasse, kann Erreger
übertragen und zu Ansteckung und Krankheit führen. Deshalb muss ich vorsichtig sein –
abwägen, was fasse ich an. Deshalb möchte ich heute fragen. Wovon lass ich mich
berühren? Wie halte ich Kontakt? Geht Berührung auf Abstand?
Über Berührung spüre ich Verbindung und Nähe. Psychologische Studien stellen fest, wie
lebenswichtig berühren ist. Adäquater Körperkontakt, anfassen, fühlen, tasten, berühren
ist Voraussetzung für ein gesundes persönliches Leben und für den Zusammenhalt in der
sozialen Gemeinschaft. Menschen müssen Nähe spüren, um sich sicher und geborgen zu
fühlen

Wenn man wie in der augenblicklichen Zeit auf Abstand achten muss, ist das schwieriger.
Ich spüre deshalb große Sehnsucht nach der vorher möglichen Nähe. Jedoch kann die
angestrebte Nähe entstehen, auch wenn man einander weniger körperlich berührt. In
Bonn sehe ich zur Zeit Plakate von #IchDuWirNRW, auf denen die Verwaltungsangestellte
Samira aufmunternd lächelnd wirbt: „Ein Lächeln wirkt auch auf Distanz.“ Diese
Feststellung hat mich tief berührt. Ich bemerkte: Stimmt, lächelt mich jemand ehrlich
wohlwollend an, fühle ich mich gut. Es tut mir in meinem Inneren, in meiner Seele gut.
Auch wenn der Augenblick flüchtig ist, weil der Kontakt und die Nähe nur kurz währt. Mehr
Nähe möchte und brauche ich meist auch gar nicht, empfände ich oft sogar als
aufdringlich. Berührung ist genauso auf Abstand möglich und gut.

Das Beispiel weist mich darüber hinaus darauf hin, dass Berührungen nur solange
angenehm sind, wie das rechte Verhältnis von Nähe und Abstand gewahrt bleibt. Um
jemand zu berühren, ohne ihn zu belästigen oder sogar zu verletzen, brauche ich sein
Einverständnis. Die notwendige Einsicht in den Schutz der Intimsphäre jedes Menschen
muss sensibel machen, mit Rücksicht, Vorsicht und Respekt andere zu berühren. Es ist
wichtig, sich langsam zu nähern, wie die beiden schwarzen und weißen Finger auf dem
obigen Bild. Nur wenn ich allmählich und vorsichtig entdecke und begreife, wie der /die
Andere ist und was er /sie möchte, um so die Verbindung zu stärken, respektiere ich die
Privatsphäre und Wünsche Anderer. Durch vorsichtiges Nähern kann ich die Grenzen
des / der Anderen spüren und erkennen, dass ich sie nicht vorsätzlich verletze. Wer mit
jemanden ausprobiert, die Finger gegenseitig zu nähern, wird spüren, wie er / sie mit
zunehmender Nähe die Präsenz oder Aura des anderen spürt. Ohne direkte körperliche
Berührung gibt es eine Verbindung. Es rührt sich etwas zwischen den Fingern. Ab einer
gewissen Nähe gibt es einen Kontakt. Das gleiche geschieht auch, wenn jemand mich
hinter meinem Rücken länger anstarrt. Viele Menschen spüren dann ein Kribbeln im
Nacken. Und das Gefühl kann angenehm oder nicht sein. Wenn irgendwer oder irgendwas
mich berührt, egal ob innerlich oder / und äußerlich spüre ich das emotional-körperlich. Ich
kann innerlich so berührt sein, dass ich es schmerzlich spüre oder mich euphorisch
glücklich fühle. Darauf sensibel zu achten ist wichtig. Vielleicht kann uns die Coronakrise
dafür aufmerksamer machen und weitere Möglichkeiten des Kontakts lehren.
Doch es gibt nicht nur körperliche Berührungen, sondern ich kann auch geistig berührt
werden, wie ich z.B. durch das Werbeplakat zum Lächeln. Auch Musik kann mich innerlich
berühren oder das Lesen eines Briefes oder Buches. Oder die Erinnerung an einen
schönen Moment oder die Sehnsucht nach … So kann ich durch inneres Wahrnehmen in
Berührung mit dem kommen, was die Welt im Inneren zusammenhält und zwar
insbesondere in meinem eigenen Inneren. Ich begreife: Das / der / die ist / sind für mich
wichtig.

Genau wie ich berühre, werde ich selbst berührt. Verstehe ich Berührungen nicht nur als
eigenes aktives Handeln, dass ich berühre, sondern auch als passives Geschehen, dass
mir geschieht, bemerke ich, dass ich darüber gar nicht die volle Kontrolle habe. Ich kann
es nicht völlig selbst bestimmen, sondern muss es zulassen. Offen sein für Berührungen
wie für das Lächeln einer Fremden oder dem Zauber eines Augenblicks. In meinem
Inneren kann ich dann den äußere Abstand so weit aufheben wie ich möchte.

Ich habe die
Wahl: So lasst Euch berühren – durch die Überraschungen des Augenblicks.

Kontrolle

Wie kann man in Coronazeiten die „Kontrolle“ behalten? Dass Unvorhersehbares oft gefährlich sein kann, ist in Coronazeiten besonders greifbar. Das „unsichtbare“ Virus kann mich überall infizieren. Ich weiß nicht genau, wo es vorhanden ist und mich anstecken könnte. Ich kann zwar Vorsichtsmaßnahmen treffen und das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich halten durch „social distancing“, Mund-Nasen-Masken, Händewaschen, Meiden von besonders gefährlichen Orten usw. Doch absolute Sicherheit vor Ansteckung gibt es nicht. Wenn ich nicht auf alle Lebensqualität verzichte, muss ich positiv denken und vertrauen, nicht angesteckt und krank zu werden.
Doch blindes Vertrauen ist nicht vernünftig und verantwortungsvoll. Sie kennen bestimmt den Spruch: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Er wird oft gegen Menschen verwandt, die für Vertrauen werben. Und es stimmt, zu vertrauen ohne jegliche Kontrolle ist nicht gut, kann zu Missbrauch verführen. Schon die Kontrolle, ob dieser Satz, wie oft behauptet, von Lenin stammt oder nicht, zeigt, dass dieser Ausspruch nirgends in Lenins Nachlasst belegbar ist. Nachweisbar ist nur, dass Lenin das russische Sprichwort „Vertraue, aber prüfe nach“ häufig in seinen Texten verwendet hat. Das hat einen anderen, weniger zwischen Kontrolle und Vertrauen wertenden Sinn und führt für mich auf eine gute Spur, ein ausgewogenes Verhalten zwischen Kontrollieren und Vertrauen zu suchen. Ich bin überzeugt, dass Menschen ohne Vertrauen nicht leben können. Wenn ich nicht vertrauen würde, dass vieles gut geht, müsste ich in ständiger Sorge und Angst leben. Ich bin sicher, dass würde mich völlig blockieren und erdrücken. Vor jedem Schritt müsste ich allen möglichen Risiken und Gefahren vorbeugen. Ich glaube, das ist gar nicht möglich, weil ich immer noch mehr tun könnte, letztlich aber niemals sicher wäre. Vieles bliebe unvorhersehbar. Wenn ich mit dem Auto, Fahrrad, Bus oder Bahn irgendwohin fahre, gehe ich davon aus, sicher und heil an und zurück zu kommen. Jedoch weiß ich trotzdem, dass ich immer einen Unfall haben kann. Selbst oder durch andere verschuldet. Das passiert regelmäßig mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit, die je nachdem größer oder kleiner ist. Ob ich jedoch betroffen sein werde, kann nicht vorhergesehen werden. Bei machen geht es tausende Mal gut, den anderen trifft es vielleicht sogar beim ersten Versuch. Bewusst oder weniger kontrolliere ich deshalb, ob es das Risiko wert ist. Manchen Risiken stelle ich mich irgendwann sogar ohne weitere Kontrolle gewohnheitsmäßig.
Wenn auch nicht alles Geschehen vorherzusehen ist, so habe ich doch Kontroll- oder Prüfreaktionen. Nicht absolute Kontrolle, dass ich alles, was geschieht, bestimme oder auf Grund anderer Bestimmungen genau weiß, was geschieht, jedoch Wissen, möglichst vielem, was geschehen könnte, vorzubeugen oder zumindest damit umgehen zu können. So ist es richtig, vor dem Verlassen des Hauses zu kontrollieren, ob alles sicher ist, Elektrogeräte ausgeschaltet, Türen und Fenster verschlossen sind usw. Dass ein Fahrzeug fahrtüchtig ist, soll durch regelmäßige Prüfung und Wartung gesichert werden. Genauso ist es wichtig, Arbeiten auf Fehler zu kontrollieren. Und ich bin immer froh, wenn jemand Texte von mir gegenliest und Fehler korrigiert, die ich nicht gesehen habe. Und solche Fehler gibt es immer. Und sie sind durch Kontrolle vermeidbar.
Etymologisch stammt das Wort „Kontrolle“ aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „Gegenrolle“, also eine zweite Aufstellung zur Sicherheit, dass alles wie vereinbart abgerechnet, ausgeführt usw. wird. Ein Nachweis zu meiner Absicherung. Wenn ich diesem Ursprung des Wortes weiter nachgehe, dann ist Kontrolle für mich sinnvoll als Überlegung, was ich vermeiden möchte, als Einschätzung wie ich vorhersehbaren Gefahren ausweiche und andere davor warnen und beschützen kann, wie ich und andere sich situationsgemäß verhalten.
Wie viel Kontrolle ich dafür für notwendig halte, ist individuell verschieden. Manche sind skeptischer und misstrauischer, andere optimistischer. Von ihrer Grundeinstellung her, aber auch von Lebenserfahrungen ihres jeweiligen Umfelds geprägt. Jede und jeder muss entsprechend seiner Individualität und Verantwortung in der Gemeinschaft für sich das rechte Verhältnis zwischen Kontrolle und Freiheit und Sicherheit und Freiheit finden. Grenzen setzen und akzeptieren, um sich entwickeln zu können, aber auch mal Grenzen überschreiten, um Neues auszuprobieren und den Horizont zu erweitern. Doch„je planmäßiger der Mensch vorgeht, um so wirkungsvoller trifft ihn der Zufall.“(Friedrich Dürrenmatt)

Normalität

Seit die Eindämmungs- und Schutzmaßnahmen wegen der Corona-Pandemie begonnen haben, gibt es eine verstärkte Sehnsucht nach „Normalität“. Gesehnt wird sich danach, dass es wieder wird wie früher. Verschiedene Politiker haben auf diese Entwicklung mit Wortneuschöpfungen reagiert. So wird für eine Rückkehr in eine „verantwortungsvolle Nor- malität“ geworben. Das hört sich beruhigend an und verspricht ein Leben mit weniger Einschränkungen. Andere sprechen dagegen von „neuer Normalität“. Sie bereiten darauf vor, dass das Ungewohnte nicht schnell verschwinden wird. Der Wortschöpfer möchte, dass man sich daran gewöhnt.

Das knüpft an einem entscheidendes Merkmal von „Normalität“ an: Gewöhnung. Zu wissen, was normal ist, gibt mir Sicherheit – einen Bezugsrahmen zum Urteilen und Handeln. Normalität ist wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann, sofern ich mich unsicher fühle. Als Normalität erkenne ich erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, gestörtem, abweichendem Verhalten.

Dabei wird „normal“ im Alltagsverständnis meist wertfrei verstanden – normal ist, was einfach so ist. „Isso“. Darum wird Normalität oft kaum hinterfragt. Was normal ist, vermittelt der gesunde Menschenverstand. Doch was gesellschaftlich „normal“ ist, ist gar nicht so eindeutig, sondern von der Erfahrung und dem Umfeld abhängig und deshalb in verschie- denen Kulturen und Zeiten ganz unterschiedlich. Es richtet sich an Normen aus, die von der Mehrheit in einer Bezugsgruppe festgelegt werden. Bei Din-Normen wie z. B. Din A4 oder Normalnull ist es ganz deutlich. Normalnull ist zum Beisoiel festgelegt als eine bestimmte Niveaufläche, die in einem Land als einheitliche Bezugsfläche bei der Ermittlung der Erdoberfläche vom mittleren Meeresniveau dient und umgangssprachlich meist als Meeresspiegel bezeichnet wird. Wenn sich alle an die Festsetzung halten, gibt es keine Missverständnisse. Das ist praktisch und sinnvoll.

Die Festlegung, was in einer Gesellschaft „normal“ ist, ist weniger einfach. Es ist widersprüchlicher, denn es ist sehr subjektiv, relativ und selektiv. Normalität wird in der Regel von der Mehrheit definiert. Was Menschen als normal verstehen, hängt davon ab, was sie für gewünscht halten und sozial akzeptieren. Doch wie viele Menschen müssen dasselbe denken, fühlen oder tun, damit es als normal gilt? Statistisch betrachtet etwa zwei Drittel. Auf der anderen Seite wünschen sich die meisten Menschen zu Recht genauso Raum für „Individualität“ – zur Abweichung vom Normalen. Außerdem sind in einer menschengerechten Gesellschaft die abweichenden Interessen von Minderheiten zu achten. Sie müssen vor Diskriminierung mit dem Urteil „Das ist nicht normal“ geschützt werden. Absprechen von Normalität darf nicht zu Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskriminierung führen.

Normal darf kein Qualitätsurteil dafür sein, was gut oder richtig ist. Es muss neben der gesellschaftlichen Norm Raum zur persönlichen Entfaltung bleiben. In einer demokratischen Gesellschaft muss das Recht zu unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen über ein gutes Leben gelten. Paradox ausgedrückt gehört in unserer Gesellschaft das Streben nach Individualität, nach Einzigartigkeit, nach Originalität“ zur Normalität. Das ist eine wichtige Voraussetzung für Liebe, Kreativität, aber auch technische Innovationen.“ Das Paradox zusammenfassend sollte es in einer freien Gesellschaft zum Schutz der Menschenwürde normal sein, nicht normal zu sein. Dieses Recht darf seine Grenze nur an den Rechten anderer haben.

Genauso flexibel sollten wir jetzt auch auf der Erfordernisse der Corona-Pandemie reagieren und situationsangemessen neue Verhaltensweisen auf die augenblickliche Situation entwickeln. Es ist besser, sich auf Abstand und mit Mund-Nase-Maske zu begegnen als gar nicht oder andere zu gefährden, krank zu werden. „Keine neue Normalität“, jedoch verantwortungsvolle Anpassung an die Lage.

Unruhe

Die Coronakrise fordert jeden von uns stark heraus. Bei mir selbst wie auch in meinem näheren und weiteren Umfeld spüre ich zunehmend Unruhe. Unruhe kann ein wichtiger intuitiver Impuls sein, etwas zu ändern. Aus der Unruhe kann Kraft zur Veränderung rühren. Artikel: Die Coronakrise fordert jeden von uns stark heraus. Bei mir selbst wie auch in meinem näheren und weiteren Umfeld spüre ich zunehmend Unruhe. Ich mache mir Sorgen. Nicht nur um mich selbst, sondern noch mehr um andere, alte Verwandte, kranke Freunde. Die Schutzmaßnahmen verlangen viel Verzicht und Geduld. Deshalb verstehe ich, dass andere Menschen genauso wie ich selbst unruhig werden. Es soll vorbei gehen, zumindest besser werden. Wir möchten Lockerungen, um wieder mehr wie früher leben zu können. Die Zweifel wachsen. Ist das alles so nötig? Ist das richtig? Ich fühle mich, als ob in meinem Inneren eine Feder gespannt wird, so wie bei manchen Spielzeugen, die man über eine Feder im Inneren mit Energie auflädt. Losgelassen rasen sie dann los. Genauso spüre ich, wie sich in mir selbst immer mehr Energie aufstaut und raus will. Los! Aber wohin? Auch bei Uhren gibt es eine Unruh. Laut Wikipedia ist die Unruh ein Spirale-Schwingsystem. „Das Schwingsystem dient als Gangregler für Kleinuhren, also vor allem für Armbanduhren und Taschenuhren, aber auch für Wecker, Wanduhren, Chronometer usw. Vorläufer der Unruh war die Unrast.“ Zum Nachdenken bringt mich, dass gerade die Unruhe in mechanischen Uhren für den ruhigen Lauf der Uhr sorgt, so dass sie fortwährend im richtigen Takt läuft und die richtige Uhrzeit anzeigt. Richtig eingesetzte Unruhe ist also für manche Bewegungsabläufe wichtig. Automatisch betriebene Armbanduhren sind sogar darauf angewiesen, dass sie bewegt bzw. gerüttelt werden und gewinnen daraus ihre Energie. Wer seine Uhr nicht täglich trägt, braucht deshalb als Ersatz einen Uhrbeweger oder Rüttler, damit sie nicht stehen bleibt und richtig geht. Unruhe kann also wichtig sein, damit sich etwas bewegt, damit sich etwas ändert. Aus der Unruhe kann Kraft zur Veränderung rühren. Ich glaube, dass gilt auch für Menschen. Doch dafür muss ich meine Unruhe kontrollieren und ihre Energien bewusst und reflektiert auf ein Ziel richten. Nicht einfach losrasen, egal wohin, sondern mich bewusst auf ein Ziel ausrichten. War bei Uhren der Vorläufer der Unruh die Unrast, so sollten Menschen Unrast vermeiden. Für mich ist Aktionismus Zeichen solcher Unrast. Hauptsache, wir tun etwas. Hauptsache, das Leiden des Wartens endet. Stattdessen möchte ich die eigene Unruhe als intuitives Symptom verstehen, dass etwas nicht richtig ist. Als Impuls, etwas überlegt zu ändern. Und dafür mit Ruhe und Vernunft zu überlegen: Was stört mich? Was ist mir wichtig? Was kann ich ändern, um wieder zur Ruhe und ins Gleichgewicht zu finden? Aber auch zu begreifen, wo ich nichts tun kann als abwarten. Entsprechend der bekannten Gebetsbitte, die wahrscheinlich von dem amerikanischen Theologen und Philosophen Reinhold Niebuhr stammt: ″Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.″

Anders

Seit Mitte März dieses Jahres waren und sind verschiedene Grundrechte eingeschränkt. Die Menschen dürfen sich weniger freizügig treffen. Viele Veranstaltungen sind verboten. Jede und jeder von uns sollte so viel wie möglich zuhause bleiben und fremde Kontakte meiden.
Dadurch ist vieles anders geworden. Viele Arbeitnehmende dürfen und sollen jetzt „Homeoffice“ machen. Was vorher wenig geachtet war, gewinnt andere Bedeutung und Wertschätzung, damit die Geschäfte weitergehen. Beratung, Teamsitzungen, Gottesdienste und vieles mehr sind auf einmal per Video möglich. Und es geht.
Das erweitert unsere Handlungsmöglichkeiten, auch für die Zeit nach den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Weniger unterwegs sein ist ja auch gut für die Umwelt. Andererseits vermisse ich die Möglichkeit, woanders hin zu fahren. Wenn diese Freizügigkeit wieder möglich ist, erhöht sich meine Lebensqualität. Doch ich hoffe, dass ich anders damit umgehe; wertschätzender und verantwortungsvollerund nicht nur Verkäuferinnen, Verkäufer, Schwestern, Pfleger, Erzieherinnen, Erzieher, Lehrerinnen, Lehrer anders und mehr wertschätze. Ich möchte anders abwägen, was ich tue, z.B. wohin und wann ich mit dem Auto fahre, wohin und wann ich fliege …Ich möchte mich anders darum sorgen, die Verbindung mit Menschen, die mir wichtig sind, aufrechtzu- erhalten.
Das neue Andere ist nicht alles schlecht, vieles ist gut. Jede und jeder von uns muss sortieren und abwägen: Was möchte ich auch weiter anders machen? Dieser Lockdown gibt die Möglichkeit, das eigene Leben zu ändern. Zuerst gezwungener Massen, dann bewusst freiwillig.
Für viele ist der Lockdown aber auch mit finanziellen Einbußen verbunden oder sogar existengefährdend: Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, keine Einnahmen als Selbständiger. Die Solidarität in unserer Gesellschaft ist anders und viel mehr gefordert. Verlange ich das Eintrittsgeld für eine Veranstaltung zurück oder spende ich es oder tausche es zu einem Gutschein um, um die Veranstalter zu unterstützen. Klicke ich Kinowerbung im Internet an, um das Kino meiner Wahl zu fördern. Unterstütze ich jemand aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, wenn er/sie es braucht und ich es kann?
Lassen Sie uns diese Chance nutzen und bewusst entscheiden, was wir in Zukunft anders machen wollen. Lassen Sie uns überlegen, was uns wichtig ist. Was weniger oder sogar gar nicht? Lassen Sie uns solidarisch an andere denken, dass es uns zusammen gut geht.

Hoffnung

„Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion“, ist von Voltaire überliefert. Ist es eine Illusion, wenn ich denke, in meinem Leben ist alles in Ordnung? Gerade durch die Coronagefährdung bemerke ich, während eines menschlichen Lebens ist nie alles in Ordnung. Ich glaube auch für menschliches Leben gilt das Gleiche wie sonst in der Natur, dass alles immer wieder auseinander bzw. zur „Unordnung“ strebt. Ich kann so viel systematisieren und so oft aufräumen wie ich will – ganz schnell ist die Ordnung wieder dahin. Ich könnte das nur verhindern, wenn ich aufhörte, etwas zu tun. Und nicht einmal dann. Dann würden andere meine Ordnung auflösen. Immer verändert sich etwas. Außerdem habe ich immer das Gefühl, wenn ich auf der einen Seite etwas ordne, gerät es auf der anderen Seite außer Kontrolle. Der Rundum 360°-Blick gelingt mir nicht und keinem anderen Menschen. Wenn gegenwärtig wirklich nie alles in Ordnung ist – nur immer Teile, wie ist es mit der Zukunft? Ist zumindest die Hoffnung, dass alles mal gut wird, berechtigt? Entsprechend Oscar Wildes Aphorismus „Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“. Wenn überall bei der Bewältigung der Coronakrise nach einer sogenannten Exitstrategie gesucht wird, dann spielt dabei Hoffnung eine große Rolle. Nur mit Hoffnung kann man an ein Ende der Gefahr glauben. Hoffen, dass langsam wieder mehr Freiraum zum Leben möglich ist. Weil es bald wirksame Medikamente gegen die Lungenkrankheit gibt. Weil ein Impfstoff entwickelt wird. Weil … Ja letztlich wird darauf gehofft, dass wir wieder zur früheren Normalität zurückkehren können. Ja und dann gibt es auch noch die persönlichen, privaten Hoffnungen. Etwa die Hoffnung für einen lieben Menschen, der durch den Corona-Virus besonders bedroht ist. Oder, dass es mich selbst nicht trifft. Die eigene Religion kann Kraft zum Hoffen geben.Für mich ist Ostern ein wichtiger Grund zur Hoffnung. Es ist wie kein anderes Fest das Fest der Hoffnung. Mit dem Tod Jesu schien die Hoffnung zunächst verloren. Ernüchterung stellte sich bei den Jüngern ein. Sie sprach aus den Worten der Emmaus-Jünger: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ (Lk 24,21). Lähmung und Verzweiflung war die erste Reaktion der Anhänger Jesu. Sie verkrochen sich. Eine andere Antwort ist jedoch Hoffnung. Gerade in den dunkelsten Stunden kann sie uns stark machen. Wir können das zum Beispiel an der Spannung der christlichen Gottesdienste von Karfreitag und Ostern spüren. In der Trauer von Karfreitag ist das Fürbitten sehr wichtig als  Zeichen der Hoffnung auf Danach. Schließlich heißt etwas zu erbitten, zu hoffen, dass es auch eintritt. An dem Tag, an dem wir dem Tod Jesu gedenken, und damit auch das Leid, das geschah und geschieht, in den Blick nehmen, strecken wir uns zugleich in Richtung seiner Überwindung an Ostern aus, dass es wieder hell wird. Das Dunkle Schlimme ist wirklich. Es gehört auch zu unser Realität. Menschen fügen einander Leid zu. Die Schöpfung leidet unter dem menschlichen Handeln. Und auch die Natur fügt Leid zu, so wie  mit dem Virus jetzt. Trotz allen, ja gegen das alles, können Menschen hoffen. Christliche Hoffnung hat wenig mit Realitätsflucht zu tun. Christen machen sich keine Illusionen, sondern stellen sich radikal der Wirklichkeit des absurden Leiden, wie es uns durch Jesus oder die vielen, die in dieser Krise ihr Kreuz tragen, vor Augen geführt wird. Für Christen ist der Karfreitag nicht Schlusspunkt, es geht weiter. Und wie es weitergeht! Wenn Osern das unwahrscheinlichste geschehen ist, wenn der Tod überwunden ist, kann doch noch viel mehr passieren, oder? Wie wollen wir uns während der Coronakrise verhalten? Lasst uns wirklich tiefgreifend hoffen, dass wir Sorgen und Leid hinter uns lassen und eine gute Zukunft haben werden. Ich hoffe, denn „Hoffnung kann der Beginn von etwas Großem sein. Es ist besser, ein einziges kleines Licht  anzuzünden, als die Dunkelheit  zu verfluchen.“ (Konfuzius)

Autor: Dirk Voos

Titelimpression: Ulrich Püschmann

Projekt: Online-Periodika

www.wirmiteinander.de – Christlich-islamische Impulse