Wie kann man in Coronazeiten die „Kontrolle“ behalten? Dass Unvorhersehbares oft gefährlich sein kann, ist in Coronazeiten besonders greifbar. Das „unsichtbare“ Virus kann mich überall infizieren. Ich weiß nicht genau, wo es vorhanden ist und mich anstecken könnte. Ich kann zwar Vorsichtsmaßnahmen treffen und das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich halten durch „social distancing“, Mund-Nasen-Masken, Händewaschen, Meiden von besonders gefährlichen Orten usw. Doch absolute Sicherheit vor Ansteckung gibt es nicht. Wenn ich nicht auf alle Lebensqualität verzichte, muss ich positiv denken und vertrauen, nicht angesteckt und krank zu werden.

Doch blindes Vertrauen ist nicht vernünftig und verantwortungsvoll. Sie kennen bestimmt den Spruch: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Er wird oft gegen Menschen verwandt, die für Vertrauen werben. Und es stimmt, zu vertrauen ohne jegliche Kontrolle ist nicht gut, kann zu Missbrauch verführen. Schon die Kontrolle, ob dieser Satz, wie oft behauptet, von Lenin stammt oder nicht, zeigt, dass dieser Ausspruch nirgends in Lenins Nachlasst belegbar ist. Nachweisbar ist nur, dass Lenin das russische Sprichwort „Vertraue, aber prüfe nach“ häufig in seinen Texten verwendet hat. Das hat einen anderen, weniger zwischen Kontrolle und Vertrauen wertenden Sinn und führt für mich auf eine gute Spur, ein ausgewogenes Verhalten zwischen Kontrollieren und Vertrauen zu suchen. Ich bin überzeugt, dass Menschen ohne Vertrauen nicht leben können. Wenn ich nicht vertrauen würde, dass vieles gut geht, müsste ich in ständiger Sorge und Angst leben. Ich bin sicher, dass würde mich völlig blockieren und erdrücken. Vor jedem Schritt müsste ich allen möglichen Risiken und Gefahren vorbeugen. Ich glaube, das ist gar nicht möglich, weil ich immer noch mehr tun könnte, letztlich aber niemals sicher wäre. Vieles bliebe unvorhersehbar. Wenn ich mit dem Auto, Fahrrad, Bus oder Bahn irgendwohin fahre, gehe ich davon aus, sicher und heil an und zurück zu kommen. Jedoch weiß ich trotzdem, dass ich immer einen Unfall haben kann. Selbst oder durch andere verschuldet. Das passiert regelmäßig mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit, die je nachdem größer oder kleiner ist. Ob ich jedoch betroffen sein werde, kann nicht vorhergesehen werden. Bei machen geht es tausende Mal gut, den anderen trifft es vielleicht sogar beim ersten Versuch. Bewusst oder weniger kontrolliere ich deshalb, ob es das Risiko wert ist. Manchen Risiken stelle ich mich irgendwann sogar ohne weitere Kontrolle gewohnheitsmäßig.

Wenn auch nicht alles Geschehen vorherzusehen ist, so habe ich doch Kontroll- oder Prüfreaktionen. Nicht absolute Kontrolle, dass ich alles, was geschieht, bestimme oder auf Grund anderer Bestimmungen genau weiß, was geschieht, jedoch Wissen, möglichst vielem, was geschehen könnte, vorzubeugen oder zumindest damit umgehen zu können. So ist es richtig, vor dem Verlassen des Hauses zu kontrollieren, ob alles sicher ist, Elektrogeräte ausgeschaltet, Türen und Fenster verschlossen sind usw. Dass ein Fahrzeug fahrtüchtig ist, soll durch regelmäßige Prüfung und Wartung gesichert werden. Genauso ist es wichtig, Arbeiten auf Fehler zu kontrollieren. Und ich bin immer froh, wenn jemand Texte von mir gegenliest und Fehler korrigiert, die ich nicht gesehen habe. Und solche Fehler gibt es immer. Und sie sind durch Kontrolle vermeidbar.

Etymologisch stammt das Wort „Kontrolle“ aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „Gegenrolle“, also eine zweite Aufstellung zur Sicherheit, dass alles wie vereinbart abgerechnet, ausgeführt usw. wird. Ein Nachweis zu meiner Absicherung. Wenn ich diesem Ursprung des Wortes weiter nachgehe, dann ist Kontrolle für mich sinnvoll als Überlegung, was ich vermeiden möchte, als Einschätzung wie ich vorhersehbaren Gefahren ausweiche und andere davor warnen und beschützen kann, wie ich und andere sich situationsgemäß verhalten.

Wie viel Kontrolle ich dafür für notwendig halte, ist individuell verschieden. Manche sind skeptischer und misstrauischer, andere optimistischer. Von ihrer Grundeinstellung her, aber auch von Lebenserfahrungen ihres jeweiligen Umfelds geprägt. Jede und jeder muss entsprechend seiner Individualität und Verantwortung in der Gemeinschaft für sich das rechte Verhältnis zwischen Kontrolle und Freiheit und Sicherheit und Freiheit finden. Grenzen setzen und akzeptieren, um sich entwickeln zu können, aber auch mal Grenzen überschreiten, um Neues auszuprobieren und den Horizont zu erweitern. Doch„je planmäßiger der Mensch vorgeht, um so wirkungsvoller trifft ihn der Zufall.“(Friedrich Dürrenmatt)

 

Autor: Dirk Voos
Bild: Ulrich Püschmann