Durch die Abstandsregeln zur Vorsorge gegen eine Covid-19- Infektion wird jede und jeder
gehalten, enge Berührungen zu vermeiden. Alles, was ich anfasse, kann Erreger
übertragen und zu Ansteckung und Krankheit führen. Deshalb muss ich vorsichtig sein –
abwägen, was fasse ich an. Deshalb möchte ich heute fragen. Wovon lass ich mich
berühren? Wie halte ich Kontakt? Geht Berührung auf Abstand?
Über Berührung spüre ich Verbindung und Nähe. Psychologische Studien stellen fest, wie
lebenswichtig berühren ist. Adäquater Körperkontakt, anfassen, fühlen, tasten, berühren
ist Voraussetzung für ein gesundes persönliches Leben und für den Zusammenhalt in der
sozialen Gemeinschaft. Menschen müssen Nähe spüren, um sich sicher und geborgen zu
fühlen

Wenn man wie in der augenblicklichen Zeit auf Abstand achten muss, ist das schwieriger.
Ich spüre deshalb große Sehnsucht nach der vorher möglichen Nähe. Jedoch kann die
angestrebte Nähe entstehen, auch wenn man einander weniger körperlich berührt. In
Bonn sehe ich zur Zeit Plakate von #IchDuWirNRW, auf denen die Verwaltungsangestellte
Samira aufmunternd lächelnd wirbt: „Ein Lächeln wirkt auch auf Distanz.“ Diese
Feststellung hat mich tief berührt. Ich bemerkte: Stimmt, lächelt mich jemand ehrlich
wohlwollend an, fühle ich mich gut. Es tut mir in meinem Inneren, in meiner Seele gut.
Auch wenn der Augenblick flüchtig ist, weil der Kontakt und die Nähe nur kurz währt. Mehr
Nähe möchte und brauche ich meist auch gar nicht, empfände ich oft sogar als
aufdringlich. Berührung ist genauso auf Abstand möglich und gut.

Das Beispiel weist mich darüber hinaus darauf hin, dass Berührungen nur solange
angenehm sind, wie das rechte Verhältnis von Nähe und Abstand gewahrt bleibt. Um
jemand zu berühren, ohne ihn zu belästigen oder sogar zu verletzen, brauche ich sein
Einverständnis. Die notwendige Einsicht in den Schutz der Intimsphäre jedes Menschen
muss sensibel machen, mit Rücksicht, Vorsicht und Respekt andere zu berühren. Es ist
wichtig, sich langsam zu nähern, wie die beiden schwarzen und weißen Finger auf dem
obigen Bild. Nur wenn ich allmählich und vorsichtig entdecke und begreife, wie der /die
Andere ist und was er /sie möchte, um so die Verbindung zu stärken, respektiere ich die
Privatsphäre und Wünsche Anderer. Durch vorsichtiges Nähern kann ich die Grenzen
des / der Anderen spüren und erkennen, dass ich sie nicht vorsätzlich verletze. Wer mit
jemanden ausprobiert, die Finger gegenseitig zu nähern, wird spüren, wie er / sie mit
zunehmender Nähe die Präsenz oder Aura des anderen spürt. Ohne direkte körperliche
Berührung gibt es eine Verbindung. Es rührt sich etwas zwischen den Fingern. Ab einer
gewissen Nähe gibt es einen Kontakt. Das gleiche geschieht auch, wenn jemand mich
hinter meinem Rücken länger anstarrt. Viele Menschen spüren dann ein Kribbeln im
Nacken. Und das Gefühl kann angenehm oder nicht sein. Wenn irgendwer oder irgendwas
mich berührt, egal ob innerlich oder / und äußerlich spüre ich das emotional-körperlich. Ich
kann innerlich so berührt sein, dass ich es schmerzlich spüre oder mich euphorisch
glücklich fühle. Darauf sensibel zu achten ist wichtig. Vielleicht kann uns die Coronakrise
dafür aufmerksamer machen und weitere Möglichkeiten des Kontakts lehren.
Doch es gibt nicht nur körperliche Berührungen, sondern ich kann auch geistig berührt
werden, wie ich z.B. durch das Werbeplakat zum Lächeln. Auch Musik kann mich innerlich
berühren oder das Lesen eines Briefes oder Buches. Oder die Erinnerung an einen
schönen Moment oder die Sehnsucht nach … So kann ich durch inneres Wahrnehmen in
Berührung mit dem kommen, was die Welt im Inneren zusammenhält und zwar
insbesondere in meinem eigenen Inneren. Ich begreife: Das / der / die ist / sind für mich
wichtig.

Genau wie ich berühre, werde ich selbst berührt. Verstehe ich Berührungen nicht nur als
eigenes aktives Handeln, dass ich berühre, sondern auch als passives Geschehen, dass
mir geschieht, bemerke ich, dass ich darüber gar nicht die volle Kontrolle habe. Ich kann
es nicht völlig selbst bestimmen, sondern muss es zulassen. Offen sein für Berührungen
wie für das Lächeln einer Fremden oder dem Zauber eines Augenblicks. In meinem
Inneren kann ich dann den äußere Abstand so weit aufheben wie ich möchte.

Ich habe die
Wahl: So lasst Euch berühren – durch die Überraschungen des Augenblicks.

Autor: Dirk Voos
Titelimpression: Ulrich Püschmann