Die Coronakrise fordert jeden von uns stark heraus. Bei mir selbst wie auch in meinem näheren und weiteren Umfeld spüre ich zunehmend Unruhe. Unruhe kann ein wichtiger intuitiver Impuls sein, etwas zu ändern. Aus der Unruhe kann Kraft zur Veränderung rühren.

Artikel: Die Coronakrise fordert jeden von uns stark heraus. Bei mir selbst wie auch in meinem näheren und weiteren Umfeld spüre ich zunehmend Unruhe. Ich mache mir Sorgen. Nicht nur um mich selbst, sondern noch mehr um andere, alte Verwandte, kranke Freunde. Die Schutzmaßnahmen verlangen viel Verzicht und Geduld. Deshalb verstehe ich, dass andere Menschen genauso wie ich selbst unruhig werden. Es soll vorbei gehen, zumindest besser werden. Wir möchten Lockerungen, um wieder mehr wie früher leben zu können. Die Zweifel wachsen. Ist das alles so nötig? Ist das richtig?

Ich fühle mich, als ob in meinem Inneren eine Feder gespannt wird, so wie bei manchen Spielzeugen, die man über eine Feder im Inneren mit Energie auflädt. Losgelassen rasen sie dann los. Genauso spüre ich, wie sich in mir selbst immer mehr Energie aufstaut und raus will. Los! Aber wohin?

Auch bei Uhren gibt es eine Unruh. Laut Wikipedia ist die Unruh ein Spirale-Schwingsystem. „Das Schwingsystem dient als Gangregler für Kleinuhren, also vor allem für Armbanduhren und Taschenuhren, aber auch für Wecker, Wanduhren, Chronometer usw. Vorläufer der Unruh war die Unrast.“ Zum Nachdenken bringt mich, dass gerade die Unruhe in mechanischen Uhren für den ruhigen Lauf der Uhr sorgt, so dass sie fortwährend im richtigen Takt läuft und die richtige Uhrzeit anzeigt. Richtig eingesetzte Unruhe ist also für manche Bewegungsabläufe wichtig. Automatisch betriebene Armbanduhren sind sogar darauf angewiesen, dass sie bewegt bzw. gerüttelt werden und gewinnen daraus ihre Energie. Wer seine Uhr nicht täglich trägt, braucht deshalb als Ersatz einen Uhrbeweger oder Rüttler, damit sie nicht stehen bleibt und richtig geht.

Unruhe kann also wichtig sein, damit sich etwas bewegt, damit sich etwas ändert. Aus der Unruhe kann Kraft zur Veränderung rühren. Ich glaube, dass gilt auch für Menschen. Doch dafür muss ich meine Unruhe kontrollieren und ihre Energien bewusst und reflektiert auf ein Ziel richten. Nicht einfach losrasen, egal wohin, sondern mich bewusst auf ein Ziel ausrichten. War bei Uhren der Vorläufer der Unruh die Unrast, so sollten Menschen Unrast vermeiden. Für mich ist Aktionismus Zeichen solcher Unrast. Hauptsache, wir tun etwas. Hauptsache, das Leiden des Wartens endet.

Stattdessen möchte ich die eigene Unruhe als intuitives Symptom verstehen, dass etwas nicht richtig ist. Als Impuls, etwas überlegt zu ändern. Und dafür mit Ruhe und Vernunft zu überlegen: Was stört mich? Was ist mir wichtig? Was kann ich ändern, um wieder zur Ruhe und ins Gleichgewicht zu finden? Aber auch zu begreifen, wo ich nichts tun kann als abwarten. Entsprechend der bekannten Gebetsbitte, die wahrscheinlich von dem amerikanischen Theologen und Philosophen Reinhold Niebuhr stammt:

″Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.″

Dirk Voos