„Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion“, ist von Voltaire überliefert. Ist es eine Illusion, wenn ich denke, in meinem Leben ist alles in Ordnung? Gerade durch die Coronagefährdung bemerke ich, während eines menschlichen Lebens ist nie alles in Ordnung. Ich glaube auch für menschliches Leben gilt das Gleiche wie sonst in der Natur, dass alles immer wieder auseinander bzw. zur „Unordnung“ strebt. Ich kann so viel systematisieren und so oft aufräumen wie ich will – ganz schnell ist die Ordnung wieder dahin. Ich könnte das nur verhindern, wenn ich aufhörte, etwas zu tun. Und nicht einmal dann. Dann würden andere meine Ordnung auflösen. Immer verändert sich etwas. Außerdem habe ich immer das Gefühl, wenn ich auf der einen Seite etwas ordne, gerät es auf der anderen Seite außer Kontrolle. Der Rundum 360°-Blick gelingt mir nicht und keinem anderen Menschen.

Wenn gegenwärtig wirklich nie alles in Ordnung ist – nur immer Teile, wie ist es mit der Zukunft? Ist zumindest die Hoffnung, dass alles mal gut wird, berechtigt? Entsprechend Oscar Wildes Aphorismus „Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“. Wenn überall bei der Bewältigung der Coronakrise nach einer sogenannten Exitstrategie gesucht wird, dann spielt dabei Hoffnung eine große Rolle. Nur mit Hoffnung kann man an ein Ende der Gefahr glauben. Hoffen, dass langsam wieder mehr Freiraum zum Leben möglich ist. Weil es bald wirksame Medikamente gegen die Lungenkrankheit gibt. Weil ein Impfstoff entwickelt wird. Weil … Ja letztlich wird darauf gehofft, dass wir wieder zur früheren Normalität zurückkehren können. Ja und dann gibt es auch noch die persönlichen, privaten Hoffnungen. Etwa die Hoffnung für einen lieben Menschen, der durch den Corona-Virus besonders bedroht ist. Oder, dass es mich selbst nicht trifft.

Die eigene Religion kann Kraft zum Hoffen geben.Für mich ist Ostern ein wichtiger Grund zur Hoffnung. Es ist wie kein anderes Fest das Fest der Hoffnung. Mit dem Tod Jesu schien die Hoffnung zunächst verloren. Ernüchterung stellte sich bei den Jüngern ein. Sie sprach aus den Worten der Emmaus-Jünger: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ (Lk 24,21). Lähmung und Verzweiflung war die erste Reaktion der Anhänger Jesu. Sie verkrochen sich. Eine andere Antwort ist jedoch Hoffnung.

Gerade in den dunkelsten Stunden kann sie uns stark machen. Wir können das zum Beispiel an der Spannung der christlichen Gottesdienste von Karfreitag und Ostern spüren. In der Trauer von Karfreitag ist das Fürbitten sehr wichtig als  Zeichen der Hoffnung auf Danach. Schließlich heißt etwas zu erbitten, zu hoffen, dass es auch eintritt. An dem Tag, an dem wir dem Tod Jesu gedenken, und damit auch das Leid, das geschah und geschieht, in den Blick nehmen, strecken wir uns zugleich in Richtung seiner Überwindung an Ostern aus, dass es wieder hell wird. Das Dunkle Schlimme ist wirklich. Es gehört auch zu unser Realität. Menschen fügen einander Leid zu. Die Schöpfung leidet unter dem menschlichen Handeln. Und auch die Natur fügt Leid zu, so wie  mit dem Virus jetzt. Trotz allen, ja gegen das alles, können Menschen hoffen.

Christliche Hoffnung hat wenig mit Realitätsflucht zu tun. Christen machen sich keine Illusionen, sondern stellen sich radikal der Wirklichkeit des absurden Leiden, wie es uns durch Jesus oder die vielen, die in dieser Krise ihr Kreuz tragen, vor Augen geführt wird. Für Christen ist der Karfreitag nicht Schlusspunkt, es geht weiter. Und wie es weitergeht! Wenn Osern das unwahrscheinlichste geschehen ist, wenn der Tod überwunden ist, kann doch noch viel mehr passieren, oder?

Wie wollen wir uns während der Coronakrise verhalten? Lasst uns wirklich tiefgreifend hoffen, dass wir Sorgen und Leid hinter uns lassen und eine gute Zukunft haben werden. Ich hoffe, denn „Hoffnung kann der Beginn von etwas Großem sein. Es ist besser, ein einziges kleines Licht  anzuzünden, als die Dunkelheit  zu verfluchen.“ (Konfuzius)

Dirk Voos